LUDWIG-GEISSLER-SCHULE
Gewerblich-technische berufsbildende Schule der Stadt Hanau und des Main-Kinzig-Kreises - Selbstständige Berufliche Schule (SBS)

Pilotstudie "Gestufte Berufsfachschule"

Jetzt Modellschule "Berufsschule zum Übergang in Ausbildung" (BÜA)

Neue Wege in die Ausbildung

Mit den Zielen „Fachkräftesicherung und gestärkte Durchlässigkeit unseres Bildungssystems“ (Beer 2013), implementierte das Hessische Kultusministerium unter Federführung der ehemaligen Kultusministerin Nicola Beer, in Zusammenarbeit mit drei Beruflichen Schulen in Hessen und dem Arbeitsbereich Technikdidaktik der Technischen Universität Darmstadt, das Projekt „Gestufte Berufsfachschule“ zum Schuljahr 2013/14.

Primäre Intention der Pilotstudie ist, den Fokus auf die Berufsorientierung und –vorbereitung von Jugendlichen zu legen. Die Schülerinnen und Schüler haben weiterhin die Möglichkeit nach zwei Jahren in der Berufsfachschule den mittleren Schulabschluss nachzuholen, vorrangiges Ziel soll aber im gestuften Modell sein, dass so viele Jugendliche wie möglich nach dem ersten Jahr in eine Ausbildung münden und dort dann ausbildungsbegleitend ihren mittleren Abschluss erwerben können. Das neue Konzept richtet sich an alle Schulabgänger mit einfachem Hauptschulabschluss, die Notenbeschränkung als ehemalige Zugangsvoraussetzung entfällt.

Die drei teilnehmenden selbstständigen Pilotschulen, Eduard-Stieler-Schule (Fulda), Ludwig-Geißler-Schule (Hanau) und Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Schule (Fritzlar) bieten jeweils unterschiedliche berufliche  Fachrichtungen, in denen die Schülerinnen und Schüler sich und ihre Fähigkeiten erproben können. In Hanau liegt der Schwerpunkt dabei im technischen Bereich, in Fritzlar bilden Wirtschaft und Hauswirtschaft die beruflichen Fachrichtungen und in Fulda liegt der Schwerpunkt im Bereich Gesundheit und Sozialwesen.

Die erste Stufe der „Gestuften Berufsfachschule“ gliedert sich in alternierende Unterrichts-, und Praxisphasen. Die Praktika werden dabei zweimal zweiwöchig in fachrichtungskonformen Betrieben absolviert. In den schulischen Phasen durchlaufen die Schülerinnen und Schüler alle Bereiche, die sich der jeweiligen Fachrichtung zuordnen lassen. In der Fachrichtung Gesundheit und Sozialwesen werden beispielsweise die Bereiche Körperpflege, Sozialpflege/ Sozialpädagogik und der Medizinisch-Technische Bereich kennengelernt.

Im zweiten Jahr der „Gestuften Berufsfachschule“ entscheiden sich die SchülerInnen, nach erfolgreicher Versetzung, für einen Bereich innerhalb der Fachrichtungen (z.B. Holztechnik in der Fachrichtung Technik). In diesem Berufsfeld wird ihnen dann ein vertiefender Einblick ermöglicht. Gleichzeitig zielt die zweite Stufe nach wie vor auf den Erwerb des Mittleren Bildungsabschlusses, der am Ende durch das Bestehen der Abschlussprüfung erreicht werden kann.

Das Projekt wird in der Erprobungsphase der „Gestuften Berufsfachschule“ durch die Bundesagentur für Arbeit, die Industrie- und Handelskammer und die Handwerkskammer unterstützt. Die wissenschaftliche Begleitung wurde dem Arbeitsbereich Technikdidaktik der TU Darmstadt übertragen, der während der Pilotphase die wissenschaftliche Evaluation  übernimmt, und für die Schulen Fortbildungen und Workshops in verschiedenen Bereichen der Didaktik, Kompetenzdiagnostik und anderen Themenschwerpunkten anbietet. Eine weitere Besonderheit im Modell der „Gestuften Berufsfachschule“ stellt die Teilnahme der BerufsfachschülerInnen am Projekt „Jobfit Interaktiv“ dar. In diesem Projekt absolvieren die SchülerInnen in Vorbereitung auf die Berufsausbildung und insbesondere im Hinblick auf die Bewerbung verschiedene Workshops wie z.B. Bewerbungstrainings oder Knigge- Kurse.

Reform des Übergangssystems

Mit dem Modellprojekt „Gestufte Berufsfachschule“ soll in Hessen eine Verbesserung der Durchlässigkeit zwischen beruflichem Übergangssystem und der beruflichen Erstausbildung ermöglicht werden. Die vielen Schülerinnen und Schüler im sogenannten „Maßnahmendschungel“ bei gleichzeitig offenen Stellen am Ausbildungsmarkt signalisieren schon seit Jahren einen Reformbedarf innerhalb des beruflichen Schulsystems. Der Ansatz einer „Gestuften Berufsfachschule“, mit dem Ziel die SchülerInnen bereits nach dem 1. Jahr in eine Ausbildung zu vermitteln, ist somit aus staatlicher Perspektive als Instrument zu verstehen, dem Fachkräftemangel in Deutschland entgegenzuwirken und mehr junge Menschen aus dem Übergangssystem in die berufliche Erstausbildung zu bringen. Neben der Vermittlung einer Berufsorientierung gehört dazu auch, dass im allgemeinbildenden Bereich, also in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch eine gezielte Orientierung an den Defiziten der SchülerInnen und eine dementsprechende Förderung stattfindet. Das Modellprojekt stößt nicht zuletzt deswegen bei den Industrie- und Handelskammern und den Handwerkskammern in Hessen auf regen Zuspruch, da sich die Anforderungen der Wirtschaft an den Nachwuchs enorm erhöht haben und somit bislang nur bedingt Jugendliche aus dem Übergangssystem in eine Ausbildung übernommen werden konnten.

Defizite der Berufsfachschule beheben

Die Berufsfachschule hat sich in den letzten Jahren zunehmend zu einem Zufluchtsort für immer mehr Jugendliche entwickelt, die aufgrund fehlender oder defizitärer Schulabschlüsse und der damit einhergehenden mangelnden Ausbildungsreife keine andere Möglichkeit sehen, als den Eintritt in eine berufliche Übergangsmaßnahme. Dabei stellt für die Wirtschaft  vor allem die Dauer von 2 Jahren ein großes Defizit der Berufsfachschule dar, denn mit einem Wiederholungsjahr fehlen diese potenziellen BewerberInnen bis zu 3 Jahre auf dem Ausbildungsmarkt.  Da das neue Konzept auf Stufen basiert und nach Möglichkeit nach der 1. Stufe in eine Ausbildung münden soll, ist in Bezug auf dieses Defizit ein Schritt in die richtige Richtung vollzogen. Um die Feststellung von Leistungen innerhalb der Berufsfachschule transparenter für die Betriebe, aber auch für die SchülerInnen selbst zu machen, werden die berufsbezogenen Leistungen nicht mehr durch Zensuren bewertet, sondern mithilfe von Kompetenzrastern. Darüber hinaus wird in der 1. Stufe in den allgemeinbildenden Fächern im Kurssystem - je nach individueller Leistung und individuellem Förderbedarf - unterrichtet. Das Erwerben von Qualifikationsbausteinen im zweiten Jahr verschafft den Absolventen der "Gestuften Berufsfachschule" im berufsbezogenen Bereich einen Vorteil - auch gegenüber MitbewerberInnen mit Realschulabschluss - da sich hier die Ausbildungsbetriebe über bereits erworbene Kompetenzen in den einzelnen beruflichen Bereichen informieren können und den angehenden Auszubildenden damit auch der Start in eine berufliche Erstausbildung leichter fallen sollte. In der ersten Stufe werden die SchülerInnen zudem von sogenannten ProfilgruppenlehrerInnen unterstützt. Sie betreuen verbindlich eine Schülergruppe über das Schuljahr, beraten und unterstützen sie und helfen auch bei der Erstellung individueller Qualifikationsportfolios, in denen die SchülerInnen ihre erbrachten Leistungen und Erfolge sowohl im schulischen Bereich als auch im privaten (ehrenamtliche Tätigkeiten etc.) sammeln können.

Aktuelle Situation und Ausblick

Das Pilotprojekt „Gestufte Berufsfachschule“ ist nun in das zweite Schuljahr gestartet.  Die neuen SchülerInnen werden (wie im Vorjahr) zu Beginn ihres Einstiegs in die Gestufte Berufsfachschule mithilfe eines Fragebogens bezüglich ihrer Motivation für den Eintritt in diese Schulform sowie zu ihrem soziodemographischen Hintergrund befragt. Hier hat sich gezeigt, dass die Ausgangsannahmen über die aktuellen Schülerkohorten an der zweijährigen Berufsfachschule relativ gut zutreffen. In zwei der drei Pilotschulen wurde ein sehr hoher Migrantenanteil festgestellt und zudem eine erhebliche Unterschreitung der gesellschaftlichen Bezugswerte im Hinblick auf das soziale Kapital.

Rückmeldungen aus dem vergangenen Schuljahr zeigen, dass bereits einige Schülerinnen und Schüler nach der ersten Stufe die Gestufte Berufsfachschule verlassen haben. In Hanau waren dies 18 SchülerInnen, in Fritzlar 2 und in Fulda 12 SchülerInnen. Allerdings muss an dieser Stelle darauf verwiesen werden, dass die Schülerinnen und Schüler sich zum Schuljahr 2013/2014 noch unter den alten Modalitäten der „normalen“ Berufsfachschule angemeldet hatten, da das Projekt mit einer kleinen Zeitverzögerung startete. Sie hatten also ursprünglich die SchülerInnen dieser Kohorte geplant  zwei Jahre an der Berufsfachschule zu bleiben und dort ihren mittleren Bildungsabschluss nachzuholen.

Die bisherigen Entwicklungen innerhalb des Pilotprojekts „Gestufte Berufsfachschule“ können moderat positiv eingestuft werden. Die bisherigen Evaluationen belegen, dass SchülerInnen, Lehrpersonen und Praktikumsbetriebe den neuen Ansatz mehrheitlich begrüßen. Unabhängig davon liegen auch vielfältige kritisch-konstruktive Rückmeldungen vor, die es in den verbleibenden beiden Pilotjahren umzusetzen gilt. In dieser Zeit muss sich auch zeigen, wie gut die Wirtschaft – also die regionalen Betriebe – unmittelbar auf das Konzept ansprechen, indem sie möglichst vielen BerufsfachschülerInnen schon in oder spätestens nach der ersten Stufe die Chance einer Ausbildungsstelle geben. Letztlich wird es dann wiederum eine politische Entscheidung sein, ob sich das neue Konzept etabliert, ob man zum alten zurückkehrt, oder ob ein anderer Ansatz aus den Erfahrungen der Pilotstudie entwickelt wird.

Katharina Kämmer, Britta Bergmann StRin, Prof. Dr. Ralf Tenberg

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